Archiv 2016

Oktober

Ganzheitliche Individualität

Buddhanatur ist lebendige Stille, der göttliche Wesensgrund allen Seins. „Es“ verbreitet und postuliert keine Wahrheiten, interpretiert und erklärt keine spirituelle Weisheiten und leitet aus fremden oder eigenen Erfahrungen auch keine allgemeingültige Rechthaberei ab. Buddhanatur oder auch das Selbst genannt, ist einfach so wie „Es“ ist; unfassbar, offen, weit und unendlich gleichmütig und zwar mit allen Geschehnissen, egal ob sich daraus relative oder absolute Wahrheitsansprüche ergeben. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass erwachte Menschen die unterschiedlichsten Thesen vertreten. Interpretationen und Projektionen sind menschliche Fähigkeiten, welche sich über Jahrzehnten und Jahrhunderten hinweg in unserem System verankert haben. Diese verlassen uns nicht durch Einblicke oder Realisationen unserer göttlichen Natur.

In den letzten Jahren wurden immer wieder die Thesen keinen freien Willen zu haben, sowie nicht der Handelnde zu sein, aufgeworfen. Diese oft missverstandenen Aussagen sind nicht wirklich neu und ausschliesslich dem Advaita zu eigen, sondern sind in ähnlicher Weise auch im Christentum zu finden. Da jedoch solche Aussagen oft falsch verstanden und leicht zu Dogmen werden, kann uns damit auch sehr einfach unsere Individualität und somit auch unsere Verantwortlichkeit abgesprochen werden.

Die Wahrheit ist nicht einfach Schwarz oder Weiss; so oder so. Die Existenz lässt sich nicht einfach in „entweder oder“ einpacken. Sicher ist, dass wir, solange wir uns mit einem menschlichen Körper in der Welt der Dualität bewegen und dazu fähig sind diesen als unserem Wesen zugehörig wahrzunehmen, einen Willen haben und dass wir nicht umhin kommen diesen auch anzuwenden. Dieser Wille ist mehr oder weniger durch unsere Glaubenssätze, Welt- und Selbstbilder konditioniert und daher nicht wirklich als frei zu bezeichnen. Der egoistische Aspekt einer unreifen Individualität hilft uns also nicht dabei die abgespaltenen Vorstellungen einer uneingeschränkten Freiheit zu verwirklichen.

Die Frage ist wohl eher, ob wir eine scheinbare Freiheit „haben“ wollen, welche ja eigentlich ausschliesslich im Verneinen und Abspalten unseres allumfassenden Wesens besteht, oder Freiheit „sein“ wollen. Freiheit zu sein offenbart sich in der Auflösung der uns angeeigneten egoistischen Neigungen und Tendenzen und dies geschieht durch Bewusstwerdung und Hingabe. Doch die Verantwortung unseres irdischen Lebens umfasst auch die Reifung unseres Egos und dessen Transzendierung bis hin zur umfassenden Bereitschaft unsere Individualität wirklich „ganzheitlich“ zu leben und zu entfalten. Wird jedoch durch eine falsche Vorstellung von Ego und Hingabe diese Verantwortung nicht wahrgenommen, so öffnen wir Willkür und Missbrauch die Tore.

Nicht der Handelnde zu sein bekommt für uns erst wirklich eine Bedeutung, wenn wir durch Transzendenz und Integration unseres „gereiften“ Egos die verknoteten Energien, oder auch karmische Kräfte genannt, soweit befreit haben, dass unsere Handlungen nicht länger unseren Neigungen und Tendenzen folgen. Wenn wir jedoch zu früh, das heisst gleich nach dem ersten Erwachen, die Idee des Nichthandelnden in Anspruch nehmen, so bilden wir uns ein aus unserem Gefängnis ausgebrochen zu sein wohingegen wir nur aus den vergitterten Fenstern schauen.

Die Ich-Vorstellungen und dessen Gedankenketten aufzugeben ist tatsächlich der Schlüssel zum Erwachen des Selbst und dessen Verwirklichung. Jedoch bedeutet das Ende der Ich-Vorstellungen keinesfalls die Auflösung des naturgegebenen individuellen Aspektes unseres Wesens.

Ein Besucher, welcher überzeugt davon war dass paramatma (das höchste Selbst) verschieden sei von jivatma (das individuelle Selbst) stellte diese Frage an Ramana Maharshi. Dieser beseitigte seinen Zweifel mit der Feststellung: „Trennen sie die begrenzenden Bedingungen -param und jiva- von atma ab und sagen Sie ob Sie dann noch einen Unterschied finden. Sollte das Problem später wieder auftauchen, dann fragen sie sich: Wer zweifelt? Wer ist der Denker?“

Atman (die Seele) und Brahman (der universelle Aspekt des Göttlichen), Form und Leere, das Verkörperte und das Entkörperte, sowie Sein im Sinne von Manifestation und Nicht-Sein im Sinne des nichtmanifestierten Einen, sollten keinesfalls getrennt betrachtet werden, denn sie sind Eines. Tat Tvam Asi "Das bist du – du bist Das".

In Liebe Saajid

September

Wer bin ich?

Wir sind offene, unendlich weite und leere Tempel, erfüllt mit leuchtender, göttlicher Präsenz. Das ist was wir wirklich sind.

Wenn wir unseren Tempel jedoch gefüllt mit allerlei Zeugs und mit geschlossenen Türen und Fenstern erleben, dann nennen wir unseren Tempel ein Haus und unser Zeugs „Identifikationen, Projektionen, Glaubenssätze, Selbstbilder, Vorstellungen, Hoffnungen und Sehnsüchte“ nennen wir Ich. Denn das Ich steht eben für all das uns so wichtige Zeugs, das unseren Tempel belagert. Verschwindet das Zeugs leuchtet ganz natürlich unser göttlicher Urgrund auf. Das nennt man dann Erwachen. Damit ist noch nichts erreicht, denn wie schnell sammelt sich doch all der Unrat von Neuem an. Unsere Tendenzen und Fähigkeiten scheinen uns nicht von alleine verlassen zu wollen. Das können sie auch nicht. Neben Einsicht benötigen wir eben auch noch Transformation und Integration. Doch Transformation und Integration sind nicht gar so schwierig, wenn wir uns nicht so hartnäckig an unseren Lieblingsvorstellungen festkrallen würden.
Zum Beispiel glauben wir mit felsenfester Überzeugung daran, dass die Geburt unseres Körpers der Beginn unseres Daseins und der Tod unseres Körpers unser Ende sei. Wir ignorieren mit Beharrlichkeit die Tatsache, dass wir von Moment zu Moment, mit jedem Atemzug sterben und wiedergeboren werden und dass unsere Welt, sowie all unser weltliches Erleben mit jedem Einschlafen und Aufwachen verschwindet und von Neuem wieder erscheint. Unser Wesen wechselt ständig zwischen Geborenwerden und Sterben hin und her, zwischen verschiedenen Arten von Sein und Nichtsein hin und her. Warum nur erkennen wir dies nicht?
Die Ursache liegt in dem Umstand begraben, dass wir uns mit unserem Körper identifizieren und daher auf der „Sein-Seite“ unseres Gewahrseins festgefroren bleiben. Die „Nicht-Sein-Seite“ unseres Gewahrseins wird tabuisiert und mit Angst überdeckt. Wenn wir erkennen, dass wir ganz natürlich und unspektakulär stets Sein sowie Nichtsein erfahren und mit unserem Wesen umfassen, sowie dass beide Zustände zu den gegebenen Naturgesetzen unserer dualen Erscheinungswelt gehören, so können wir einen großen Schritt tiefer ins Leben hinein vollziehen. Denn ohne die Integration des Sterbens können wir nicht umfassend, authentisch und total leben. Ohne totales Leben können wir auch nicht das ewige Leben erfahren, das die Grundlage und Essenz jeglichen Daseins bildet.
All die hunderttausend Erscheinungen unseres Erlebens sind und bleiben von Anbeginn stets leer. Jede Erscheinung trägt in ihrer Leere jedoch die Essenz unseres Wesens. Doch nur wenige Menschen wollen dieser Tatsache wirklich ins Auge sehen, denn sie ängstigt uns sehr und wir verdrängen sie so gut wir können. Doch damit verdrängen wir auch die lebensspendende Präsenz der Leere, welche die Essenz des Lebens in seiner ganzen Fülle bildet und bleiben dadurch innerlich wie tot und leer. Was für eine Tragik! Dies ist der Grund warum wir so vergeblich nach Sinn und Erfüllung im weltlichen Leben suchen und uns als umherirrende, nimmer satte Hungergeister erleben.

Wir sind offene, unendlich weite und leere Tempel, erfüllt mit leuchtender, göttlicher Präsenz. Das ist was wir wirklich sind.

In Liebe Saajid

August

Beständiges Glück

Das irdische Leben kann uns nichts Konkretes oder Beständiges ausliefern, denn alles ist flüchtig, alles ist vergänglich hier.
Wir erwarten zu viel vom Leben, wenn wir in ihm Beständigkeit und Glück suchen.

Das Leben kann jedoch „das glückliche Sein“ unseres Wesens sichtbar machen.
Dieses Glück erstrahlt unabhängig von allen äußeren und inneren Umständen.

Ebenso verleiht das Leben aber auch dem von Verblendung überschatteten Sein vorübergehend Form und Ausdruck, weshalb wir es dann als unglückliches Sein bezeichnen.

Gute oder schlechte Launen entstehen nicht wie allgemein angenommen aus den angenehmen oder unangenehmen Geschehnissen welche uns zustoßen.
Launen entstehen immer aus unserem Denken und dessen Spiegelungen, denn alle diese Geschehnisse werden aus den Fäden unseres Denkens gewoben und entsprechen unseren Neigungen und Tendenzen.

Das menschliche Leben ist eine Projektion unseres Geistes um uns unsere Tendenzen und Neigungen zu reflektieren.
Es ist ein Biotop, durch unseren eigenen Geist erschaffen, um diesen von seinen Fixierungen zu erlösen und unser Wesen grundlos feiern zu lernen.

Hier in unserem Leben werden unsere Glaubenssysteme und Trennungsfantasien greifbar, damit wir unsere Identifikationen und Verblendungen durchschauen und uns als reines Gewahrsein entdecken können.
Meditation geschieht, wenn das Ich als Gedankenströmung versiegt.
Reines Gewahrsein ist bewusstes, ungeteiltes Sein ohne Gedankentätigkeit.
In der Offenbarung des reinen Gewahrseins wird unser göttlicher Wesensgrund offen sichtbar und aufscheinend.

Die Hingabe unseres Selbst an seinen göttlichen Urgrund ist die Erfüllung und Erlösung der Wanderung unserer Seele.

Glückliches Sein ist bedingungslos und zeitlos.

-

sanft - kraftvoll - wild
die Wimpern der Sterne
berührend

In Liebe Saajid

Juli

Wer oder was ist Gott?

Frage: … noch im Halbschlaf war da ein leichtes Entsetzen von Sinnlosigkeit und Haltlosigkeit meiner Existenz. Was, wenn alles nur zufällig ist? Mein Ich schien fassungslos unbeständig. Bin ich willkürlich? Eine K., die als etwas Erfundenes haltlos irgendeine Runde treibt und abgetrieben von allem, was Halt gibt? Furchteinflößend nackt mit vielen andern Nackten? Aus dem Paradies gefallen. Sünder, die nicht an Gott glauben. Haltlose. Hat Mathias Grünewald sie nicht irgendwo am Isenheimer Altar gemalt?
Danach las ich im ‚Ein Kurs in Wundern‘ Lektion 19: Ich erfahre die Wirkung meiner Gedanken nicht alleine. Es gibt keine privaten Gedanken.
Weiter steht da: Die Erlösung muss möglich sein, weil es der WILLE GOTTES ist.
Also die immer wiederkehrende Frage: Wer oder was ist GOTT. Mein Gott? … doch erscheint mir GOTT als Schöpfung in der Natur….

Saajid: Worte erschaffen Vorstellungen, wenn sich diese Verdichten entstehen Dogmen. Das Christentum ist voll davon und wir sind nun mal in dieser sehr christlich dominierten Kultur aufgewachsen.
Diese von uns am Leben erhaltenen Kräfte lassen uns nicht leicht los.
Alles was wir festhalten hält uns fest.
Mit der Zeit glauben wir, dass es uns festhält und wir sehen nur noch diese Seite.
Doch nichts kann uns festhalten, wenn wir nicht daran festhalten.

Entsetzen über die Sinnlosigkeit und Haltlosigkeit meiner Existenz.
S.: Ja, das was wir wirklich sind benötigt weder Sinn noch Halt. Identifikation (mit was auch immer) erschafft Sinn und Halt.
Es gibt nicht so etwas wie „meine“ Existenz. Du bist Existenz und benötigst daher weder Sinn noch Halt. Die Seele ist frei von Mein und Dein. Sie ist „ungetrennt einzigartig und ungetrennt alleins“.

Eine K., die als etwas Erfundenes haltlos irgendeine Runde treibt und abgetrieben von allem, was Halt gibt?
S.: Die K. bist Du nur in diesem Leben. Du hattest schon viele Namen und weibliche sowie männliche Formen. Deine Seele hat einen anderen Namen, einen beständigeren, aber auch der ist höchst wahrscheinlich nur eine Projektskizze und wandelbar. Dein Wesen/Seele aber ist ewig. Für Deine Seele stellt es überhaupt kein Problem dar vorübergehend jede Form und Identität anzunehmen. Sie liebt dieses Spiel (Leela). Wir nennen es auch Lebensdurst.

Ich las: „Die Erlösung muss möglich sein, weil es der WILLE GOTTES ist.“
S.: Diese Aussage ist nicht falsch, aber sehr altmodisch formuliert.
Solche Aussagen können sehr schnell zur Annahme führen, dass Gott „Jemand“ sei und dass wir getrennt von diesem Jemand sind, sowie, dass wir seiner Willkür unterworfen sein könnten, dass Gott uns bei Fehlverhalten gnadenlos bestrafen könnte und vieles mehr.
Das sind nur sehr alte, haltlose Annahmen.

Also die immer wiederkehrende Frage: Wer oder was ist GOTT. Mein Gott?
S.: Diese Frage kann sich nur durch die lebendige eigene Erfahrung erlösen. Da wir von unseren christlichen Konditionierungen wegstreben und Dogmen anderer Religionen übernommen haben vergessen viele Menschen auf ihrem Weg sich ihrem Gott (Schöpfer, oder Wesensmutter) hinzugeben. Ich mag auch den Ausdruck Wesensmutter, doch wenn wir das Wort Gott entstaubt haben ist das auch ein wunderbarer Ausdruck.
Wenn beim Meditieren die Gedanken absinken verbleibt der natürliche Zustand unseres Wesens. Dieser ist „Weite/Stille/erfüllte Leere/Wirklichkeit, reines Gewahrsein, Glückseligkeit“.
In diesem ursprünglichen Zustand wende Dich an Gott, an Deine Wesensmutter. „Ich bin der Ich-Bin!“

Gott benötigt unsere Hingabe! Feurige, leidenschaftliche Hingabe – unser ganzes Leben lang! Poonjaji hat sich z.B. immer wieder Frauenkleider angezogen und ekstatisch mit Krischna getanzt.
Nur im „Ich-Bin“ kann Gott geschaut werden. Er/Es kann auf unendlich unterschiedliche Weise erscheinen und sich offenbaren. Doch egal wie und was erscheint „Er/Es“ bleibt „Ich-Bin“ - reines Gewahrsein - der Ursprung jeder Erscheinung. So wie jedes Wesen in jeder Erscheinung in seinem Wesensgrund Ich-Bin bleibt.
Die Frage: Wer wendet sich an Gott, oder wem erscheint Gott ist sehr hilfreich. Dabei zeigt sich das lebendige Paradox.
Erwarte nichts und mache Dir kein Bildnis.

In Liebe Saajid

Juni

Impulse zum Lanzarote-Retreat 7. bis 14. Oktober 2017

Da wir ein Feedback bekamen, dass es irritierend sei und wenig einladend erscheine, ein Retreat ohne vorbestimmten Tagesablauf anzubieten, wollen wir hier schreiben um was es uns wirklich geht, frei von allen Ferienprospektstrategien.

Ja, in diesem Retreat wollen wir keinen vorbestimmten Rahmenplan, aber den hatten wir in allen früheren Retreats auch nie wirklich, oder dann jeweils bei Bedarf umgekippt.
Ja, wir wollen uns auf die Unvorhersehbarkeit einer offenen Gruppendynamik einlassen und in diesem Retreat auf unser Rüstzeug so weit wie möglich verzichten, um ganz frei dem unmittelbaren Sein Ausdruck zu verleihen. Was macht das Leben mit uns, wenn wir es „so“ sein lassen?
Ja, unser aller Selbstverantwortung ist gefragt und niemand versteckt sich hinter einer vorgegebenen Funktion. Individuelles Hiersein, ohne unsere Einsichten, Erfahrungen und Kompetenz zu vernachlässigen.
Meditation (Zazen, Vipassana, Hinwendung) ist unsere Grundlage.

Ich habe Angela gebeten auch etwas aus ihrem Herzen darüber zu schreiben:

Stille………….

Ein Gedanke und die Welt erscheint. Wir fühlen uns darin wie Schlafwandler, in diese Körper gepresst, dem Verstand und seinem roboterartigem Handeln ausgeliefert.
Für den Bruchteil einer Sekunde…. schaut mal: Was ist es was du wirklich willst in diesem Leben und wohin wendest du deine kostbare Energie? Nutzt du sie um den Verstand zufriedenzustellen und für die Sucht nach weiteren endlosen Erfahrungen? Sind wir bereit, unsere liebgewonnenen Geschichten loszulassen?
Das Ego ist grenzenlos gierig und niemals satt.
Im klaren Sehen davon ist der Wunsch nach Befreiung das natürliche Resultat. Wenn dieses Sehnen nach dem Unbenennbaren unausweichlich wird, dann testet uns die Existenz und die Post geht ab. Universen an Konditionierungen, Anhaftungen, Haben- und Vermeiden-Wollen tauchen auf.
Eine tiefe Wertschätzung für dieses Glück „Mensch geworden zu sein“ und die Möglichkeit in diesem Leben frei zu werden, lässt uns dranbleiben, in hartnäckiger aber liebevoller Hingabe. Wir wollen das „Sein“, das wir schon sind, voll und ganz realisieren und leben.
DEM widmen wir uns in dieser wertvollen Woche in einer Gemeinschaft von Freunden in echter Verbundenheit, mit allem was auftaucht:
Hingabe ausloten - sehen was uns wieder in die Verblendung führen will - spüren was nährend und unterstützend ist.

Erst ganz zaghaft, dann immer stärker, habe ich mich im letzten Jahr in die Insel verliebt. Sie hat mir meine Wunden aufgezeigt, mich geschüttelt und dann in ihren starken Armen gehalten. Ein Bild erscheint: Ich laufe freudig am Strand, spüre die zarte Rauheit des Affen-Felsens auf meiner Haut, spiele im weiten Ozean. Plötzlich ist es wieder da, der Zauber meiner Kindheit, das was ich wirklich BIN: „Innere Freiheit und Liebe“.

Wir freuen uns sehr auf dieses Seins-Abenteuer.

In Liebe Saajid

Mai

Individualität

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Persönlichkeit und Individualität bezüglich des Erwachens?

Antwort: Die Persönlichkeit gehört unserer Zivilisation und nicht unserem Wesen an wie wir oft glauben. Die Persönlichkeit ist ein sehr komplexes, gesellschaftliches und kulturelles Produkt. Sie besteht aus unzähligen Selbstbildern mit welchen sich unser Ego identifiziert. Diese Selbstbilder legen sich wie Masken über unseren Geist und erschaffen auf diese Weise eine Scheinidentität.
Individualität wird von den Religionen und ihren Lehrern ganz unterschiedlich definiert. Individualität und Persönlichkeit werden häufig miteinander verwechselt und weit öfters noch wird die Persönlichkeit fälschlicherweise mit der Individualität gleichgesetzt. In spirituellen Kreisen wird uns zudem eine tatsächlich existierende Individualität auch immer wieder abgesprochen oder als Ego bekämpft.
Individualität ist jedoch die Grundvoraussetzung jeglicher Existenz als eigenständiges Wesen. Leider wird diese Eigenständigkeit immer noch meistens als etwas vom Wesensgrund abgetrenntes betrachtet. In unserem dualistisch geprägten Verstehen sind daher unsere Individualität und das All-Eins-Sein nur als Gegensatzpaar denkbar. Existenziell gesehen sind sie jedoch dasselbe, nämlich zwei verschiedene Aspekten des Einen.

Unsere Seele ist individuell und All-Eins.

Individualität ist also etwas, das sich sehr leicht mit Ideen und Vorstellungen überdecken und verzerren lässt. Wenn unser Geist mit Selbstbildern identifiziert ist, nennen wir das Ego oder Persönlichkeit. Wenn die Persönlichkeit aber als Konzept durchschaut wird, dann kann sich der Raum unserer Wahrnehmung öffnen und unser despotischer Ich-Bezug relativiert werden. Denn es gibt nicht wirklich so etwas wie einen Ausgangspunkt unseres Erlebens und unserer Wahrnehmung. Gewahrsein benötigt keinen Ausgangspunkt. Wir sind überall hier-jetzt und haben in der Wirklichkeit unseres Wesens keine bestimmte Zeit und keinen bestimmten Ort in dem unser Leben stattfindet. Aber dieses „Überall-Jetzt-Sein“ wird stets individuell erlebt. Alles Erleben ist individuell, sonst müssten wir alle das gleiche erleben. Individualität ist unbegrenzt. Sie kann die Einzigartigkeit unseres Seins ausdrücken wie auch unseres All-Eins-Seins. Das heisst, als Individuen können wir uns und alle Wesen als einzigartig und auch als All-Eins erkennen. Im Zen sagt man auch: „Der Wahrnehmende, das Wahrgenommene und die Wahrnehmung sind eines“. Im erwachten Bewusstsein ist die Ich-Bezogenheit als Illusion durchschaut, bleibt jedoch als Fähigkeit bestehen. Unser Wesensgrund, der göttliche Urgrund, oder Gott ist überall hier, nicht fassbar und nicht definierbar, und doch für alle Wesen offensichtlich. Es ist das Offensichtlichste überhaupt und wird doch so selten erkannt.

Das Individuum, die Seele, das Selbst, oder göttlicher Urgrund ist alles Eines.

Mit Seele bezeichnen wir ja eher den individuellen Aspekt und mit Selbst den universellen Aspekt unseres Wesens. Es ist immer hier, war schon vor unserer Geburt hier und wird immer hier sein. Individualität umfasst Form und Leere, ist unendlich wandelbar und einzigartig. Dies ist die Schönheit unseres Wesens. Ohne Individualität könnten wir Menschen das Unfassbare unseres Wesensgrundes nicht erleben, denn derjenige der erlebt, das Erlebte und das Erleben selbst sind untrennbar Eines.

In Liebe Saajid

April

Charakterfixierungen und Neigungen

Haben wollen
- Verlangen, Begehren, Gier, Genusssucht, Missgunst, Neid, Stolz, Eitelkeit.
Vermeiden wollen - Ablehnung, Wiederstände, Widerwillen, Geiz, Übelwollen, Hass, Aggression, Ärger.
Trägheit des Herzens - Lethargie, Starrheit, Sturheit, Rechthaberei, Soziale Verweigerung, Unterdrückung.
Unruhe - Rastlosigkeit, Stress, Kompensation, Schuldgefühl, Sucht.
Zweifel - Unsicherheit, Vernebelung, Entscheidungsschwäche, hin-und hergerissen sein, Nichtwissen, Verblendung.

Sicherlich seid ihr alle den 7 Todsünden im Christentum, oder den Geistesgiften im Buddhismus begegnet. Wer könnte sich schon als frei von all diesen Tendenzen und Versuchungen erachten. Ich jedenfalls finde all diese Tendenzen in mir. Kein Wunder dass wir uns im Christentum ausschliesslich alle als Sünder zu betrachten haben. Dieser Umstand hat mir schon im Kindesalter, auch ohne dass ich irgendetwas angestellt hatte, Schuldgefühle erzeugt. Auch wenn ich damals Erwachsene gefragt habe, so blieb die Antwort stets bei den Sünder- und Heiligengeschichten hängen und die einzige Lösung schien ein „sich zu bessern“ zu sein. Aber kann denn der ausschliessliche Versuch einer Verbesserung auf der Verhaltensebene wirklich nachhaltig sein? Sicherlich Nein, denn unser Unterbewusstsein spielt bei einem solchen Kuhhandel nicht mit.

Wenn wir jedoch diese Geistesgifte als fehlgeleitete Geistesbewegungen unserer menschlichen Bedürfnisse betrachten, welche aus den zugrunde liegenden „Fähigkeiten“ entstehen, so öffnet sich uns ein gangbarer Weg zu einer wirklich nachhaltigen Veränderung unserer Verhaltensweisen.

Wichtig ist dabei im Auge zu behalten, dass die drei Grundtriebe oder Instinkte des Menschen der Selbsterhaltungstrieb, der soziale Trieb und der Sexualtrieb sind. Diese Triebe sind dem Menschen als Ausrüstung für das menschliche Überleben seit Anbeginn unserer Tage auf natürliche Weise gegeben.
Dazu gehören die beiden Schwingtüren „Angst“ und „Wut“, welche konstruktive sowie destruktive Eigenschaften besitzen.
Angst kann für Umsicht, Vorsicht und erhöhte Aufmerksamkeit (Wachheit) sorgen (Reaktionen bei Gefahr); jedoch auch lähmen, einfrieren, destruktives Kämpfen oder Flüchten verursachen (gesteigerte Angst-Panik). Wut kann und soll uns bei Gefahr Energiereserven zuspielen, kann aber auch blind und zerstörerisch sein.

Wenn wir bei den Geistesgiften von zugrundeliegenden Fähigkeiten ausgehen und auch, dass es immer unsere Ich-Verhaftungen sind, welche unsere natürlichen Fähigkeiten pervertieren, so können wir herauszufinden suchen, wie unsere Ego-Strategien unsere Fähigkeiten (Potential) in das jeweilige Verhaltensmuster umgewandelt haben.

Ich habe der Einfachheit halber die Geistesgifte in 5 Hauptgruppen unterteilen

Geistesgifte Ego-Strategie Potential
Haben wollen Sehnsucht Selbsterfüllung
Vermeiden wollen Angst Liebe, Mitgefühl
Trägheit des Herzens Verdrängung passiv Unterscheidungskraft
Unruhe Verdrängung aktiv Hingabe, Vertrauen
Zweifel Vernebelung Entschlossenheit, Mut


Unser Geist kann sich also immer in zwei Richtungen bewegen. Entweder in Richtung geistiger Hitze, also geistiger Unruhe und Identifikationen, was über die Ego-Strategien zu fixierten Tendenzen und Verhaltensweisen führt, oder in Richtung geistiger Kühle, also geistiger Stille, was über Meditation und Selbsterkenntnis zu unserem natürlichen Potential führt.
Zum Beispiel führt uns unsere Ego-Strategie über die Bedürftigkeit der Sehnsucht zu vielschichtigem Begehren, anstatt dass unser Wesen sich ohne Ich-Identifikation, das heisst ohne Trennungsgedanken, selbst erfüllt. Siehe Schema.
Ich wünsche euch viel Freude, Einsicht und Offenbarung bei der Durchsicht.

In Liebe Saajid

März

Direkte Sicht

Oftmals ist unsere liebgewonnene und etablierte Sicht auf uns selbst und die Welt verdreht. Ganz hartnäckig ist die Idee ein Körper zu sein, welcher auf dieser Erde wandelt. Doch schauen wir genauer hin, so können wir folgendes entdecken:

Mein Leben findet nicht in der Welt statt,
die Welt findet in meinem Erleben statt.

Hiermit ist nicht gemeint, dass diese Welt eine Illusion sei.
Mit dieser unüblichen, tieferen Haltung zum Leben werden wir mehr natürliche Verantwortung für unser Erleben übernehmen können als bisher und es erleichtert uns das Verstehen, dass die gesamte Schöpfung auf dieser Welt untrennbar eines ist. Alle Lebewesen, der ganze Planet, der ganze Kosmos, die ganze Existenz und auch mein Körper, sowie all die verschiedenen Ebenen meiner inneren und äußeren Ausrüstung befinden sich in meinem Geist.
Dieser Geist ist ein großartiges Phänomen. Alles Erlebbare, sowie unzählige Gedanken, Vorstellungen, Glaubenssätze, Identifikationen, Zuordnungen, Abgrenzungen, Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte und unendlich viel mehr, hat darin Platz, unersättlich und ohne, dass er jemals wirklich gänzlich voll sein könnte. Wird der Geist jedoch geleert und auch nur für kurze Augenblicke inhaltsleer, so wird er durchscheinend und spiegelt das Leuchten unseres Selbst, unserer Wesensnatur, der Buddhanatur. Erst dadurch wird der weglose Weg als solcher erkannt und erst damit fängt er sich für uns an zu entfalten. Es gibt auf diesem Pfad nichts zu erreichen und doch werden wir mit Segen überschüttet. Wir sollten unermüdlich diesen Weg beschreiten und uns nichts auf tolle Erfahrungen einbilden, denn unser verloren geglaubtes Ego ist immerzu bereit alle Geschehnisse zu interpretieren und irgendwie doch noch unerkannt wieder ins Spiel zu kommen. Unser Geist lässt sich sehr gerne auf immer wieder neue Weise täuschen, denn unser Ego ist ein tolles Unterhaltungsprogramm.

Hinter allen
Farben und Formen
dieser Welt

wandeln wir
an den Ufern des Regenbogens

In Liebe Saajid

Februar

Sein lassen

Frage: „Einfach sein lassen“ und „eine regelmäßige Meditationspraxis führen“ dies scheint mir zueinander paradox zu stehen.

Antwort: Der Begriff „eine regelmäßige Meditationspraxis führen“ wird oft falsch verstanden. Für mich ist Meditationspraxis einfach die Bereitschaft zu täglicher Meditation, oder stillem Verweilen. Ich definiere Meditation nicht als etwas das unseren Vorstellungen und Idealen folgen sollte und das wir mit langen Gesichtern und ernster Miene, versteinert und nach unbeugsamen Regeln „tun“. Natürlich ist eine schöne und aufrechte Sitzhaltung hilfreich, aber nicht Bedingung. Regeln sollten für uns da sein und nicht wir für die Regeln. Eine konsequente, regelmäßige, aber leichte und herzliche Sitzpraxis erschafft einen freudvollen Zugang zur Wesensnatur. Dies heißt für mich keineswegs einen laschen Umgang mit der Meditations-Praxis zu pflegen. Doch Meditation darf keinesfalls etwas sein, das wir glauben „tun“ zu können, das unseren spirituellen Ehrgeiz befriedigen, oder irgendeine Technik darstellen sollte um ein fernes oder nahes spirituelles Ziel zu erreichen. Meditation ist nicht dazu da irgendetwas zu überwinden, oder zu verbessern. Nein, Meditation „ist“ einfachstes Seinlassen. Darum lächeln alle Buddha-Statuen und es wäre schön, wenn wir uns erlauben könnten, dass unsere Meditation auch ein Lächeln auf unsere Gesichter zaubert.

Finde heraus wer es ist der meditiert. Wenn der Meditierende verschwindet geschieht Meditation.

Es ist wichtig zu verstehen, dass das menschliche Leben dem Gesetz der ständigen Wandlung unterworfen ist. Das heißt, dass unser ganzes Leben lang ohne den kleinsten Unterbruch stets und unwiederbringlich „Neues“ geschieht. Es scheint uns so, als könnten wir gar nicht anders als immerfort in Bewegung zu bleiben und „tun“ zu müssen. Doch dies ist eine Frage der Perspektive, welche gewechselt werden und unser Leben radikal verändern kann. Aus der Perspektive des Egos mit seinen Identifikationen gesehen bin „ich“ es der mein Handeln bestimmt und „mein Tun“ wird durch den unaufhaltsamen Wandel des Lebens ununterbrochen „von mir“ gefordert. Dies ist die Perspektive der meisten Menschen und sie scheint uns unverrückbar zu sein, oder es scheint sogar lächerlich eine andere Perspektive ins Spiel bringen zu wollen. Die erwachte Perspektive ist jedoch radikal anders. Sie durchschaut die Ich-Illusion und damit wird der Bezugspunkt der Wahrnehmung aufgehoben, das heißt, was bisher als Ausgangspunkt der „eigenen“ Wahrnehmung betrachtet wurde fällt weg. Das verblüffende Resultat ist die Fähigkeit des Bewusstseins die Subjekt-Objekt-Beziehung aufzuheben. Auf diese Weise wird unser Handeln für das Bewusstsein zum einfachen Geschehnis ohne Ich-Verknüpfung. Anstelle der fixierten Ich-Idee erscheinen nun der Spielraum, das Spiel, die Wahrnehmung und der Wahrnehmende als Eines, als Gewahrseins-Präsenz. Diese Art des Handelns und des Seins wird im Zen „Tun durch Nichttun“ genannt. Mit unserer inneren Verkrampfung der Ich-Konditionierung ist also in unserem Seinlassen noch sehr viel unbewusstes Halten und Tun. Damit unser Seinlassen auch wirklich voll entspannt und losgelöst zu einem „einfachen“ Seinlassen wird benötigen wir einen Geist der zur inneren Ruhe gefunden hat.

Es gibt kein „wahres Zazen“ ausser diesem Zazen das du in diesem Augenblick übst.
Kodo Sawaki

In Liebe Saajid

Januar

Brennendes Herz

Frage: Was ist der Sinn des Lebens?

Antwort: Du bist das Leben. Du wirst ihm deinen Sinn geben. Wirst Du den Sinn in deinen Wahnvorstellungen und Verblendungen, Hoffnungen und Wünschen finden oder im Erwachen deiner Seele und der Hingabe an deinen göttlichen Ursprung?

Bevor wir nicht die große brennende Existenzfrage des Lebens und Sterbens gelöst haben werden wir keinen wirklichen Frieden finden können.

Unser Wesen gründet in der Ewigkeit. Dies ist ganz einfach zu erkennen. Unser Erleben ist immer unmittelbar „hier“ in der ewigen Gegenwärtigkeit unseres Seins. Wir können weder die Vergangenheit noch die Zukunft erleben. Vergangenheit und Zukunft kann nur als Fähigkeit unseres Verstandes stattfinden, als Erinnerungs- und Vorstellungsvermögen. Wir haben noch nie irgendwo anders gelebt als in der Ewigkeit. Interessanterweise haben wir der Vergangenheit und der Zukunft daher einen lebbaren Zwischenzustand hinzugefügt, dem wir den Namen Gegenwart gegeben haben, da wir ja unser Erleben innerhalb des Raum-Zeit-Gefüges annehmen. Dies tun wir ganz selbstverständlich und ohne Hinterfragung, weil wir uns mit unserem Körper identifizieren, welcher ja ganz offensichtlich den Gesetzen der Raum-Zeit unterworfen ist. Raum-Zeit ist ein stetiger Fluss ohne Haltepunkt. Vergangenheit und Zukunft gehen nahtlos ineinander über. Innerhalb dieses Flusses ist keine Zwischenzone „Gegenwart“ zu finden. Bei näherem Betrachten ist das was wir Gegenwart nennen zeitlos und immer hier. Sie findet nicht in der Zeit statt! Ist es nicht erstaunlich? Wir finden keinen wirklich erlebbaren Stand- oder Haltepunkt für unser Wesen innerhalb des Zeitstromes und das was wir innerhalb des Zeitstromes wirklich finden können ist zeitlos hier, sind immer wir selbst. Das was wir Zeit nennen findet also ausschließlich in unserem Gehirn statt, ist nur über unser Vorstellungs- und Erinnerungsvermögen betretbar und ist deshalb anfällig auf Projektionen, Identifikationen und Glaubenssätze. Es öffnet sich daher eine Welt voller Illusionen, Täuschungen und Leiden. Es öffnen sich jedoch auch tiefere Ebenen. Die Tatsache der Erlebbarkeit unseres ewigen Hierseins innerhalb des Zeit-Raum-Gefüges ermöglicht uns Berührbarkeit, sowie das Erleben von Ursache und Wirkung. Ist es nicht genial eingerichtet, dass dabei unser göttlicher Wesensgrund stets bedingungslos und ungehindert einsichtig bleibt?

Welchen Sinn werden wir also unserem Leben geben?

In einem Monat findet unser jährliches Felsentor-Retreat auf der Rigi statt und ich freue mich viele von euch zu sehen und in all die Wunder unseres gemeinsamen Hier-Seins einzutauchen. Wir sind Energiewesen und es ist daher sehr wichtig uns in einer kraftvollen Präsenz über unsere Energiekörper mit unserem irdischen Dasein zu verbinden.

Wenn das gefrorene Herz
des Schneemannes erwacht,
was für einen Sinn wird er
dem Erwachen geben?

In Liebe Saajid